Am 13. Oktober ist Ada Lovelace Day. Seit 2009 würdigt dieser internationale Aktionstag Frauen, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik geprägt haben, und macht Leistungen sichtbar, die in Lehrbüchern und Berichterstattung noch immer zu selten vorkommen. Für das Ada-Lovelace-Projekt ist dieser Tag jedes Jahr ein besonderer: Er gilt der Frau, deren Namen wir tragen, und er ist der Moment, in dem wir uns bewusst auf sie zurückbesinnen. Denn Ada Lovelace hat etwas vorgedacht, das heute an unseren Standorten in ganz Rheinland-Pfalz konkret wird: dass Technik und Kreativität zusammengehören.
Eine Rechenmaschine, die komponiert
1843 veröffentlichte Ada Lovelace ihre Übersetzung eines Aufsatzes von Luigi Menabrea über Charles Babbages Analytical Engine, eine mechanische Rechenmaschine, die nie fertig gebaut wurde. Ihre eigenen Anmerkungen, die sogenannten „Notes“, waren fast dreimal so lang wie der Ausgangstext. In der ersten dieser Anmerkungen (Note A) formulierte sie einen Gedanken, der weit über die Mathematik hinausging: Wenn sich die grundlegenden Beziehungen zwischen Tönen in der Harmonielehre entsprechend ausdrücken ließen, so Lovelace, dann könnte die Maschine „elaborate and scientific pieces of music of any degree of complexity or extent“ komponieren, also kunstvolle Musikstücke beliebiger Komplexität (Lovelace, 1843, Note A). Bemerkenswert ist dabei weniger die computergenerierte Musik selbst als die Vision dahinter: Eine Maschine, die Regeln auf Symbole anwendet, kann alles verarbeiten, was sich als System von Beziehungen beschreiben lässt, auch Klang. Technik und Kunst erschienen bei Lovelace damit nicht als getrennte Welten, sondern als zwei Anwendungen desselben strukturierten Denkens.
Warum Kreativität den Zugang erleichtern kann
MINT-Fächer werden von vielen Jugendlichen als abstrakt, regelgebunden und wenig gestaltend wahrgenommen. Die Forschung zur Studien- und Berufswahl zeigt seit Jahren, dass junge Frauen MINT-Felder seltener wählen, wenn sie dort ihre eigenen Ziele nicht wiederfinden, insbesondere das Ziel, mit und für andere Menschen zu arbeiten (Diekman, Brown, Johnston & Clark, 2010). Umgekehrt steigt das Interesse, wenn MINT-Inhalte mit solchen Zielen verknüpft werden: Schon eine kurze Programmiererfahrung kann bei Erstklässlerinnen die Motivation für Technik messbar erhöhen (Master, Cheryan, Moscatelli & Meltzoff, 2017), und Informatik-Aufgaben, die sich um Menschen statt um Dinge drehen, sprechen Schülerinnen deutlich stärker an als Schüler (Christensen, Marcher, Grabarczyk, Graversen & Brabrand, 2021).
Hier setzt der STEAM-Ansatz an, also die bewusste Integration künstlerischer und gestalterischer Elemente in MINT-Bildung. Ein systematisches Review zu STEAM in der Grundschule kommt zu dem Schluss, dass die Einbindung der Künste den Zugang zu MINT verbreitert und in den ausgewerteten Studien das Interesse an Naturwissenschaften, die Lernmotivation und die Einstellungen zu Naturwissenschaften verbessert hat (Yim, Su & Wegerif, 2025). Speziell für Mädchen liegen erste Interventionsstudien vor: Studentinnen, die einen Chemiekurs mit Kunstanteil besuchten, zeigten ein signifikant höheres Interesse an einem MINT-Studium als Studentinnen eines klassischen Kurses, und mehr von ihnen belegten anschließend einen weiteren MINT-Kurs (Wajngurt & Sloan, 2019). Bei 60 Siebtklässlerinnen in der Türkei stieg nach sechs Wochen STEAM-basierter Robotik-Programmierung die Selbstwirksamkeit sowohl im Programmieren als auch im informatischen Denken signifikant an (Altin & Yasan Ak, 2025).
Vom Einzelprojekt zur Strategie: Der Aktionsplan MINT+
Auch die Bildungspolitik hat diesen Zusammenhang aufgegriffen. Der im Juni 2026 von Bundesbildungsministerin Karin Prien und Bundesforschungsministerin Dorothee Bär vorgestellte Aktionsplan MINT+ führt das „+“ bewusst im Namen: MINT soll gezielt mit kreativen, fächerübergreifenden, gesellschaftlichen und unternehmerischen Perspektiven verbunden werden. Als erste von drei pädagogischen Dimensionen nennt der Plan ausdrücklich „künstlerische, kreative Zugänge“, die den Einstieg in naturwissenschaftlich-technische Themen erleichtern und Zielgruppen erreichen sollen, die bisher wenig Berührung mit MINT hatten. Zugleich verpflichtet er sich zu einer chancengerechten und geschlechtersensiblen MINT-Bildung: Geschlechterstereotype dürfen nicht darüber entscheiden, wer MINT-Kompetenzen entwickelt (BMBFSFJ & BMFTR, 2026).
Malroboter und Klangcode: Wo Ada Lovelaces Idee heute Praxis wird
An den Standorten des Ada-Lovelace-Projekts gehören kreative Formate längst zum Programm. In Bingen erleben Mädchen in diesen Herbstferien bei „Code trifft Musik“, wie aus Programmzeilen Klang wird, ein Workshop, der Lovelaces Gedanken von 1843 fast wörtlich einlöst. In Koblenz findet am 12. und heute, am 13. Oktober, also genau zum Ada Lovelace Day, der Workshop „MINT trifft Kreativität“ statt, bei dem die Teilnehmerinnen ihren eigenen Malroboter bauen.
Was in diesen Workshops auf den ersten Blick spielerisch wirkt, folgt einer klaren Überlegung: Sie knüpfen an Interessen an, die viele Mädchen mitbringen, und zeigen, dass Programmieren, Konstruieren und Experimentieren gestaltende Tätigkeiten sind. Ada Lovelace hat diesen Zusammenhang vor über 180 Jahren beschrieben. Wir machen ihn an unseren Standorten für Mädchen erfahrbar.



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Literatur
Altin, R., & Yasan Ak, N. (2025). Girls in robotics programming: STEAM integration in computer science course. International Journal of Eurasia Social Sciences, 16(62), 2307–2326. https://doi.org/10.70736/ijoess.2006
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend [BMBFSFJ] & Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt [BMFTR]. (2026). Entdecken, entwickeln, verändern: Der Aktionsplan MINT+. https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Publikationen/DE/1/1130506_MINT-Aktionsplan.pdf
Christensen, I. M., Marcher, M. H., Grabarczyk, P., Graversen, T., & Brabrand, C. (2021). Computing educational activities involving people rather than things appeal more to women (Recruitment perspective). In Proceedings of the 17th ACM Conference on International Computing Education Research (ICER 2021) (S. 127–144). ACM. https://doi.org/10.1145/3446871.3469758
Diekman, A. B., Brown, E. R., Johnston, A. M., & Clark, E. K. (2010). Seeking congruity between goals and roles: A new look at why women opt out of science, technology, engineering, and mathematics careers. Psychological Science, 21(8), 1051–1057. https://doi.org/10.1177/0956797610377342
Lovelace, A. A. (1843). Notes by the translator. In L. F. Menabrea, Sketch of the Analytical Engine invented by Charles Babbage (A. A. Lovelace, Übers.). Scientific Memoirs, 3, 666–731.
Master, A., Cheryan, S., Moscatelli, A., & Meltzoff, A. N. (2017). Programming experience promotes higher STEM motivation among first-grade girls. Journal of Experimental Child Psychology, 160, 92–106. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2017.03.013
Wajngurt, C., & Sloan, P. J. (2019). Overcoming gender bias in STEM: The effect of adding the arts (STEAM). InSight: A Journal of Scholarly Teaching, 14, 13–28. https://doi.org/10.46504/14201901wa
Yim, I. H. Y., Su, J., & Wegerif, R. (2025). STEAM in practice and research in primary schools: A systematic literature review. Research in Science & Technological Education, 43(4), 1065–1089. https://doi.org/10.1080/02635143.2024.2440424