PISA 2025: Was die Ergebnisse für die MINT-Förderung von Mädchen bedeuten

Am 8. September 2026 hat die OECD die Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht. Die Schlagzeilen: historischer Tiefstand, wachsende soziale Ungleichheit, immer mehr Jugendliche ohne sichere Basiskompetenzen. „Für die MINT-Förderung von Mädchen lohnt sich ein zweiter Blick“, sagt Prof. Dr. Claudia Quaiser-Pohl, wissenschaftliche Leitung des Ada-Lovelace-Projekts. Denn die Studie enthält Befunde, die für unsere Arbeit direkt relevant sind, und Zahlen, die sich genauer anzuschauen lohnt.

An PISA 2025 nahmen mehr als 760.000 15-Jährige in 91 Staaten und Regionen teil, in Deutschland 6.659 Schüler*innen (Greiff et al., 2026, S. 4; OECD, 2026, S. 48). Schwerpunkt waren die Naturwissenschaften, dazu kamen Lesen und Mathematik. Neu ist der Bereich „Lernen in der digitalen Welt“, aus dem im ersten Teil bislang nur das „modellbasierte Problemlösen“ berichtet wird: die Fähigkeit, Probleme mit digitalen Werkzeugen wie Modellier- und Programmierumgebungen zu lösen, etwa durch systematisches Experimentieren, Datenauswertung und das Erstellen und Korrigieren eigener Programme (OECD, 2026, S. 82 f.). Deutschland erreicht hier 498 Punkte und liegt damit im OECD-Durchschnitt von 500 Punkten; je etwa ein Viertel der Jugendlichen zeigt niedrige bzw. hohe Kompetenzen (Greiff et al., 2026, S. 6; OECD, 2026, S. 83 f.).

Gleichauf in den Naturwissenschaften, aber nicht an der Spitze

In den Naturwissenschaften liegen Mädchen (484 Punkte) und Jungen (487 Punkte) in Deutschland gleichauf; im Lesen liegen die Mädchen vorn (478 zu 453), in Mathematik die Jungen (469 zu 458). Beim modellbasierten Problemlösen erreichen Jungen 508 und Mädchen 486 Punkte (Greiff et al., 2026, S. 8). Der Gleichstand in den Naturwissenschaften täuscht allerdings: Unter den leistungsstärksten zehn Prozent liegen im OECD-Durchschnitt die Jungen 10 Punkte vor den Mädchen. Mädchen sind in der Leistungsspitze in Naturwissenschaften und Mathematik weiterhin unterrepräsentiert, was die OECD als möglichen Teil der Erklärung für die Geschlechterunterschiede in MINT-Berufen sieht (OECD, 2026, S. 129 f.).

Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und Interesse

PISA erfasst auch, wie Jugendliche Schule und Lernen erleben. Drei Befunde sind für die Frage nach MINT-Identität besonders interessant:

  • Jungen berichten im OECD-Durchschnitt ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zur Schule als Mädchen; Mädchen berichten dagegen mehr Neugier und Ausdauer (OECD, 2026, S. 151 und 191).
  • In Deutschland liegen die naturwissenschaftlichen Selbstwirksamkeitserwartungen unter dem OECD-Durchschnitt. Selbstwirksamkeit, Freude und Interesse sowie naturwissenschaftsbezogene Überzeugungen hängen mit der Kompetenz zusammen (Greiff et al., 2026, S. 10).
  • Erstmals wurde gefragt, ob Jugendliche mit ihrem späteren Beruf zum Umweltschutz beitragen möchten. Im OECD-Durchschnitt bejahen das 68 Prozent der Mädchen und 54 Prozent der Jungen (OECD, 2026, S. 297).

Was das für die MINT-Förderung bedeutet

Der nationale PISA-Bericht formuliert als Handlungsoption, „naturwissenschaftliche Identität als integralen Bestandteil naturwissenschaftlicher Bildung“ zu stärken (Greiff et al., 2026, S. 11).

„Das Ada-Lovelace-Projekt arbeitet seit fast 30 Jahren nach diesem Prinzip. Die PISA-Befunde bestätigen die Grundsätze unserer Arbeit“, betont Prof. Dr. Quaiser-Pohl. Drei dieser Grundsätze spiegeln sich unmittelbar in den PISA-Befunden wider:

  • Selbstwirksamkeit fördern. Mädchen brauchen Räume, in denen sie eigene Erfolge erleben, statt nur zuzuschauen. Deshalb stehen in unseren Workshops seit Beginn z. B. das eigene Löten, Programmieren und Experimentieren im Mittelpunkt.
  • Zugehörigkeit sichtbar machen. Zentrales Element des Ada-Lovelace-Projekts ist das Peer-Mentoring, genauer ein Near-Peer-Mentoring durch geringfügig ältere Vorbilder: Unsere studentischen Mentorinnen sind nur wenige Jahre älter als die Teilnehmerinnen und machen für sie erfahrbar, dass Frauen in MINT dazugehören. Gerade diese Nähe macht den Ansatz wirksam: Weil die Mentorinnen den Teilnehmerinnen in Alter und Lebenswelt ähnlich sind, erscheinen ihre Erfolge erreichbar. Solche Rollenvorbilder aus der Eigengruppe können zudem wie eine „soziale Impfung“ gegen negative Stereotype wirken und das Zugehörigkeitsgefühl im MINT-Bereich stärken (Dasgupta, 2011, S. 231, S. 236 f.). Eine aktuelle US-Studie mit über 14.000 Studierenden fand, dass die Teilnahme an freiwilligen Mädchen-MINT-Programmen in der Schulzeit mit deutlich höherer MINT-Identität und höheren MINT-Berufsabsichten zusammenhing (Chen et al., 2026, S. 1345).
  • Berufe mit Sinn verknüpfen. Zwei Drittel der Mädchen im OECD-Durchschnitt möchten mit ihrem Beruf zum Umweltschutz beitragen. Viele MINT-Berufe tun genau das. Das Ada-Lovelace-Projekt verknüpft MINT-Förderung deshalb gezielt mit Umwelt- und Klimaschutz: In Outdoor-Wanderungen, Ökosystem-Workshops und Laborexperimenten vermitteln studentische Mentorinnen naturwissenschaftliches und technisches Wissen direkt in der Natur und stellen zugleich „Green Jobs“ vor, also Berufe, in denen Ingenieurinnen, Informatikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen für Klima und Umwelt etwas bewegen.

Quellen

Chen, C., Ono, T., Sonnert, G., Sunbury, S. & Sadler, P. (2026). Do single-sex STEM programs have merit? If so, for whom, on what measures? Science Education, 110(5), 1345–1364. https://doi.org/10.1002/sce.70067

Dasgupta, N. (2011). Ingroup experts and peers as social vaccines who inoculate the self-concept: The stereotype inoculation model. Psychological Inquiry, 22(4), 231–246. https://doi.org/10.1080/1047840X.2011.607313

Greiff, S., Diedrich, J., Kastorff, T., Goldhammer, F. & Köller, O. (Hrsg.) (2026). PISA 2025. Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation. Zusammenfassung. Waxmann. https://www.waxmann.com/buecher/PISA-2025

OECD (2026). PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/73451bc5-en

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