„Bin ich hier richtig?“ – Warum Zugehörigkeit im MINT-Bereich kein Nice-to-have ist

Gastbeitrag von Kathrin Smolarczyk

In MINT-Angeboten gibt es manchmal diesen leisen, aber entscheidenden Moment: Ein Mädchen betritt den Workshopraum, sieht technische Geräte, Kabel, Werkzeuge und vielleicht vor allem Menschen, die scheinbar schon genau wissen, was sie tun. Und noch bevor sie sich fragt: „Kann ich das?“, steht vielleicht eine viel grundlegendere Frage im Raum: „Bin ich hier überhaupt richtig?“

Diese Frage entsteht häufig, bevor überhaupt gelernt, ausprobiert oder gebaut wurde. Noch bevor jemand merkt, ob Programmieren Spaß macht, ob ein 3D-Drucker faszinierend ist oder ob man plötzlich doch gern mit Sensoren arbeitet, kann bereits ein Gefühl entstehen, das Teilhabe erschwert. In der Forschung wird dieses Phänomen unter anderem als Belonging Uncertainty beschrieben: also als Unsicherheit darüber, ob man in einem bestimmten Raum, einer Gruppe oder einem fachlichen Kontext wirklich dazugehört. Diese Unsicherheit betrifft nicht alle Menschen gleichermaßen. Sie wird besonders dort relevant, wo bestimmte Gruppen ohnehin mit Stereotypen, Rollenerwartungen oder subtilen Ausschlusserfahrungen konfrontiert sind. Im MINT-Bereich betrifft das nach wie vor besonders Mädchen und junge Frauen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, dass Mädchen weniger Interesse, weniger Talent oder weniger Potenzial hätten. Vielmehr geht es darum, dass MINT-Räume häufig noch immer von bestimmten Bildern begleitet werden: Wer gilt als „technisch begabt“? Wer wird als passend wahrgenommen? Wer traut sich selbstverständlich an Geräte, Codes oder Werkzeuge heran? Und wer hat das Gefühl, sich erst beweisen zu müssen, bevor sie überhaupt richtig anfangen darf?
Wenn wir also mehr Mädchen und junge Frauen für MINT begeistern wollen, reicht es nicht, ihnen abstrakt zu sagen: „Du kannst das auch.“ Dieser Satz ist wichtig, aber er muss im Alltag durch konkrete Erfahrungen gestützt werden. Zugehörigkeit entsteht nicht durch Plakate, sondern durch Situationen, in denen junge Menschen erleben: Ich darf hier eigene Ideen haben, ich kann hier etwas schaffen, ich werde ernst genommen, ich darf Fragen stellen, ich muss nicht schon alles können und ich bin mit meinen Unsicherheiten nicht allein.

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Foto: Andi Weiland für MINTvernetzt

In meiner Forschung zu außerschulischen Making-Aktivitäten in FabLabs und Makingspaces zeigt sich immer wieder, wie zentral solche Erfahrungen für gelingende MINT-Bildung sind. Jugendliche brauchen Lernräume, in denen sie Autonomie erleben, sich kompetent fühlen und soziale Verbundenheit erfahren können. Diese drei Aspekte sind auch aus der Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci bekannt: Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit gelten als zentrale psychologische Grundbedürfnisse, die Motivation, Engagement und nachhaltige Beteiligung unterstützen. Für die Praxis bedeutet das, dass MINT-Angebote nicht nur fachlich gut vorbereitet sein sollten, sondern auch so gestaltet werden müssen, dass junge Menschen eigene Entscheidungen treffen können, Erfolgserlebnisse haben und sich als Teil einer unterstützenden Gemeinschaft erleben.

Gerade in offenen Making- und FabLab-Angeboten ist das eine spannende, aber nicht ganz einfache Aufgabe. Einerseits liegt in diesen Räumen ein enormes Potenzial, weil Kinder und Jugendliche hier nicht nur Wissen aufnehmen, sondern selbst gestalten, erfinden, tüfteln und eigene Ideen materialisieren können. Andererseits kann genau diese Offenheit auch überfordern, wenn nicht genügend Orientierung, Begleitung und Ermutigung vorhanden sind.

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Foto: Christian Karnbach für Ada-Lovelace-Projekt RLP

Hier kommen Mentorinnen ins Spiel. Denn Mentorinnen sind in solchen Kontexten weit mehr als Personen, die Technik erklären oder fachliche Fragen beantworten. In meinem Vortrag auf dem Ada-Lovelace-Fachtag habe ich deshalb gefragt, was Mentoring im Alltag eigentlich alles bedeuten kann. Die Antwort ist: ziemlich viel. Mentorinnen sind Wachstums-Begleiterinnen, Immer-Zuhörerinnen, Technik-Entmystifiziererinnen, Stereotypen-Zertrümmerinnen, Selbstzweifel-Neutralisatorinnen und Zugehörigkeits-Stifterinnen. Und manchmal sind sie einfach die erste Person, die sagt: „Ich glaub an dich.“

Das klingt vielleicht weich, ist aber pädagogisch und psychologisch hoch relevant. Mentoring kann dazu beitragen, Selbstwirksamkeit zu stärken, Unsicherheiten zu normalisieren und MINT nicht nur als Fachgebiet, sondern als möglichen Teil der eigenen Identität erfahrbar zu machen. Gerade für Mädchen und junge Frauen geht es nämlich oft nicht nur um die Frage: „Kann ich das?“ Sondern auch um die Frage: „Kann ich das sein?“ Kann ich kreativ sein und technisch? Kann ich unsicher sein und trotzdem kompetent? Kann ich Fehler machen, ohne dass daraus sofort geschlossen wird, dass ich nicht geeignet bin? Kann ich einen eigenen Zugang zu MINT finden, der nicht dem klassischen Bild vom „Technik-Nerd“ entsprechen muss?

Was heißt das konkret für die Praxis?

Einstiegsschwellen senken

Gerade am Anfang müssen MINT-Angebote nicht immer nach Wettbewerb, Höchstleistung oder Talentförderung riechen. Wichtig ist auch, Situationen zu schaffen, in denen junge Menschen schnell ins Tun kommen und erste Erfolgserlebnisse haben. Es muss nicht sofort der autonome Roboter oder das komplexe KI-Projekt sein. Manchmal beginnt ein guter Einstieg damit, dass etwas leuchtet, sich bewegt, reagiert oder plötzlich eine eigene Idee sichtbar wird. Solche kleinen Momente können enorm wichtig sein, weil sie erfahrbar machen: Ich kann hier etwas bewirken.

Technik entmystifizieren

Viele Jugendliche haben keine klare Vorstellung davon, was in einem FabLab, Makingspace oder MINT-Workshop eigentlich passiert. Wenn diese Räume abstrakt, fremd oder sehr technisch wirken, entstehen schnell Unsicherheit und Abstand. Dagegen helfen konkrete Beispiele, Materialien zum Anfassen, kleine Demos und eine Sprache, die nicht schon im Ankündigungstext aussortiert. Technik wird zugänglicher, wenn sie nicht als Expert*innenwissen inszeniert wird, sondern als etwas, das man Schritt für Schritt erkunden, verändern und für eigene Ideen nutzen kann.

Stärken sichtbar machen

Ein besonders wichtiger Hebel liegt darin, vorhandene Stärken neu zu übersetzen. Kreativität ist Problemlösen. Kommunikation ist Teamarbeit. Empathie ist User-Centered Design. Ästhetisches Gespür ist 3D-Design. Viele junge Menschen bringen längst Kompetenzen mit, die für MINT hoch relevant sind, erkennen sie aber nicht unbedingt als solche. Mentorinnen können hier Brücken bauen, indem sie genau diese Fähigkeiten benennen und zeigen, dass MINT nicht nur aus Formeln, Codes und Geräten besteht, sondern auch aus Beobachtung, Gestaltung, Zusammenarbeit und der Frage, für wen und wofür etwas entwickelt wird.

Fehler normalisieren

Auch Fehlerkultur spielt eine große Rolle. Wer MINT-Räume zugänglicher machen möchte, sollte nicht nur Erfolge zeigen, sondern auch Prozesse, Umwege und Scheitern sichtbar machen. Gerade Mentorinnen können hier viel bewirken, wenn sie nicht als perfekte Expertinnen auftreten, sondern als Menschen, die selbst lernen, ausprobieren, nachschlagen, verwerfen und neu anfangen. Ein Satz wie „Das wusste ich am Anfang auch nicht“ kann mehr Zugehörigkeit stiften als die brillanteste Erklärung. Denn er signalisiert: Nicht-Wissen ist hier kein Ausschlusskriterium, sondern Teil des Prozesses.

Zugehörigkeit aktiv gestalten

Zugehörigkeit entsteht nicht automatisch, nur weil alle im selben Raum stehen. Sie muss aktiv gestaltet werden: durch Begrüßung, durch Namen, durch echte Aufmerksamkeit, durch gemeinsame Rituale, durch Humor, durch Peer-Unterstützung und durch die Erfahrung, dass jemand merkt, ob ich da bin. Gerade in freiwilligen Angeboten ist das zentral, weil niemand bleiben muss. Jugendliche kommen wieder, wenn sie das Gefühl haben, dass der Ort etwas mit ihnen zu tun hat, dass sie dort wachsen können und dass sie als Person gesehen werden – nicht nur als Teilnehmerin eines Angebots.

MINT-Räume sind deshalb nie neutral. Sie wirken immer. Sie können Mut machen oder verunsichern, öffnen oder abschrecken, Selbstwirksamkeit stärken oder Selbstzweifel verstärken. Deshalb sollten wir nicht nur fragen, welche Inhalte wir vermitteln wollen, sondern auch, welche Erfahrungen junge Menschen in diesen Räumen machen. Welche Bilder von MINT zeigen wir? Welche Rollen werden sichtbar? Welche Zweifel nehmen wir ernst? Welche Formen von Kompetenz erkennen wir an? Und wer sagt eigentlich: „Du gehörst hier dazu“?

Vielleicht beginnt wirksame MINT-Förderung genau dort: nicht beim perfekten Projekt, nicht beim größten Aha-Moment und auch nicht bei der Erwartung, dass Begeisterung sofort da sein muss, sondern bei einem ersten kleinen Gefühl von Sicherheit. Bei dem Gedanken: „Okay. Vielleicht bin ich hier doch richtig.“ Und wenn aus diesem Gefühl dann Neugier wird, aus Neugier ein erstes Ausprobieren und aus dem Ausprobieren irgendwann Selbstvertrauen, dann ist schon sehr viel passiert.

Dieser Beitrag wurde von Kathrin Smolarczyk für das Ada-Lovelace-Projekt RLP verfasst. Weitere Informationen unter www.kathrinsmolarczyk.de und mail@kathrinsmolarczyk.de

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